Über uns

Stichworte zum Schauspieler-Theater

Theater gewinnt Relevanz, wenn es sich auf seine Wurzeln besinnt: Es erzählt spielend eine Geschichte. Es ist Menschenkunst, gerade weil es sich in Paradoxien bewegt: Verstellung auf der Suche nach Wahrhaftigkeit, um in den besten Momenten bei sich selbst zu landen.
So kann ein Erfahrungsraum zwischen Spielern und Zuschauern entstehen, der einerseits unsere Wahrnehmung von Verlust, Verletzungen, Ohnmacht und Wut, unser Unbehagen an der Realität als eine öffentliche Angelegenheit verhandelt; aber andererseits läßt sich nicht wahrhaftig über Verlust und Verletzung erzählen, wenn wir nicht unsere Sehnsucht nach Begegnung, nach Liebe und Heilung zeigen.
Insofern ist Theater ein anachronistischer Erfahrungsraum: Erkenntnis und Wahrhaftigkeit impliziert die Entwicklung von Empathie. Das heißt auch, um zwei Voraussetzungen zu ringen: um eine unbestechliche Haltung auf der Suche nach Konsequenz, was den Verzicht auf die uns innewohnende Sucht zu Gefallen impliziert, und um eine weise Naivität, was meint, das spielende Kind in uns zu entdecken, das vor Zynismus und seiner Effekt Hascherei bewahrt.

Das Kammertheater München versteht sich als Schauspieler-Theater, in dessen Mittelpunkt ein festes Ensemble steht.

(E.B., 09.09)

Konzeptionelle Stichworte
Zur Gründung des
Kammertheater Schwabing (Januar 07)

° Das Kammertheater Schwabing versteht sich als ein Generationen übergreifendes Projekt: erfahrene Theatermacher/Macherinnen, auch mit langer Stadttheater Erfahrung, und junge Nachwuchskräfte, die am Anfangihres beruflichen Weges stehen, haben sich in diesem Projekt zusammengefunden. (Unser ältestes Ensemblemitglied ist 62 unser jüngstes 24.)Uns interessiert dabei, zwei oft sehr unterschiedlichen Sichtweisen auf Welt und Theater gleichwertig zu begegnen, was immer gegenseitiges Lernen bedingt.

° Theater gewinnt Relevanz und Legitimität, wenn es sich auf seine Wurzeln besinnt: Durch seinen Live-Charakter ist Theater eine besondere Form der Menschenkunst. Es setzt den Schauspieler als Mittelpunkt des theatralen Prozesses voraus. Insofern sind wir ein Schauspieler-Theater .

° Das impliziert einen gewissermaßen konservativen Gegensatz zur aktuellen Entwicklung des Theaters, denn ein Schauspieler-Theater muß sich dem Ensemble Gedanken verpflichtet fühlen. Und darüber hinaus auf personelle Kontinuität setzen, denn Qualität bedingt in der Regel gemeinsame Erfahrungsprozesse.

° Unser Spielplan verpflichtet sich gegenwärtigen Themen und damit der Gegenwartsdramatik ebenso wie Fragen nach unserer Geschichte und unseren kulturellen Wurzeln, was zur Auseinandersetzung mit den sogenannten Klassikern zwingt. Dabei interessiert uns immer das Geschichten Erzählen, insofern stehen wir postdramatischen Konzepten skeptisch gegenüber.

° Zu unserer Erfahrungswelt gehört die Emigration bzw. Immigration unserer Eltern und unser Aufwachsen mit und zwischen zwei Kulturen. Diese interkulturelle Realität unserer Gesellschaft wird ein Schwerpunkt unserer Arbeit bilden – sowohl thematisch, durch Mehrsprachigkeit, als auch in der Begegnung verschiedener Arbeitsweisen.

° Das Theater kennt erst in seiner jüngeren Geschichte die Trennung zwischen „U-„ und „E-Kultur“, wobei schon die Begriffe ideologisch verschleiern. Im attischen Theater stand die Komödie unmittelbar neben der Tragödie, und auch diese war kein Sprechtheater im heutigen Sinne, sondern eine Verbindung aus Sprechen, Singen und Tanzen. Da wir uns diesen Wurzeln verpflichtet fühlen, werden wir mit Genre- Vermischungen aller Art experimentieren.

° Lebendiges Theater entsteht in einer Verbindung zwischen Bühne und Publikum. Wir spielen für das Publikum und auch dann für uns selbst. Aus dieser Haltung heraus wird unser Spielplan nicht nur durch die klassische Aufführung geprägt sein, sondern wir begreifen Theater als ein offenes Forum, das unterschiedlichste Zugänge zu Theater, Literatur, Musik, zu Geschichte und europäischer Kultur anbieten will. Wir bekennen uns zur Vermittlungs- und Bildungsaufgabe des Theaters.

Zu unserem Verständnis von Theater gehört auch, alle Generationen anzusprechen, daher werden wir zumindest jeden Sonntag auch Kindertheater auf dem Spielplan haben.

„Ich habe ein Feld gefunden: das Theater, und ich trage eine Verantwortung: nämlich die Mittelmäßigkeit zu verweigern. Ich trete nicht vor ein Publikum, um beklatscht zu werden, ich will nicht, daß man sagt: O wie schön er ist, wie wunderbar – ich will der Vermittler von etwas Qualitativem sein.“ (Konstantin S. Stanislavskij)

Stanislavskijs Verweise auf die Notwendigkeit von verantwortlicher Arbeit, Moral und Disziplin als Voraussetzung jeglicher Qualität sollen uns Ansporn und Anspruch sein – im Wissen, daß Scheitern zum menschlichen Wachsen gehört. In diesem Sinne wollen wir ein lebendiges, kraftvolles und wenn nötig, auch streitbares Theater für Menschen aller Art und jeglichen Alters realisieren.

(Bo/01.07)